Bach, Johann Sebastian (1685–1750)
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Was ist, das wir Leben nennen

Dicher unbekannt: S. Franck?; Satz 3: "Ach wie flüchtig, ach wie nichtig" (M. Franck, 1652), Str. 1. Satz 6: "Herzlich tut mich verlangen" (C. Knoll, 1611), Str. 1. Satz 18 u. 21: "Christus, der ist mein Leben" (Jena, 1609), Str. 1 u. 3. Kalligraphische Textabschrift, Weimar 1716: "Des hochseeligsten Printzen Johann Ernst Hertzogs zu Sachßens Todesfall und Gedächtnüs-Predigt betr. 1715.16" (D-WRl: Hofmarschallamt I, Nr. 2785; unbekannter Schreiber)

Vor der Fürstlichen Leich Predigt

1. Coro:
Was ist, das wir Leben nennen?
Es ist selbst die Nichtigkeit!

Wie die Wolcken sich zertrennen,
von der Hitze
schneller Blitze,
so vergeht die Lebens-Zeit!

2. Recit:
So muß der Staub,
Der Mensch zu Staube werden,
Und der beseelte Bau von Erden
Kömmt wiederum zum ersten Wesen,
Wenn er in Schoos der Erden fällt!
Was ist denn das wir Uns zur Lust und Ruh erlesen?
Ein süßer Traum, des Todes Raub!
Der schönste Schönheits-Glantz
Der in die Augen spielet,
Ist nur ein Rosen Krantz
Der frühe lacht, doch eh der Tag sich kühlet
Verwelkt und stirbt er gantz!

3. Choral:
Ach, wie nichtig,
ach wie flüchtig
ist der Menschen Leben!

Wie ein Nebel bald entstehet
Und auch wieder bald vergehet
So ist unser Leben, sehet![1]

4. Recit:
Und wer verlangte wohl
das halb gestorbne Leben
Wem könnte dieses schwache Ziel,
Darauf die Todes Pfeile fliegen,
Ergözung und Vergnügen
Und angenehme Ruhe geben!
Wenn nicht
Ein größers Licht
Uns in des Geistes Augen schiene?
Wird gleich der Leib zur Sterbe-Bühne
Verlachet doch der Geist
Des Himmels theüres Pfand
Das MeisterStück der höchsten Allmachts Hand,
Des eitlen Lebens Spiel!

5. Aria:
Edle Seele
Deine Schwingen
können durch die Wolcken dringen
Weil dein Uhrsprung himmlisch ist;
Suchest du dich zu vereinen
Mit dem Höchsten der dich küßet,
Mit dem ewig-reinen Wesen,
Dort ist dir die Ruh erlesen,
Wo du gantz vollkommen bist,
Außer deiner Marter-Höhle,
Edle Seele!

6. Choral:
Hertzlich thut mich verlangen
nach einem seel: End etc. etc.

7. Recit:
Hört, bange Klagen, auff
Printz Johann Ernst, der Seinen Hertz und Liebe
Schließt seeligst seinen Lauff!
Macht gleich sein früher Tod die hohen Augen trübe.
Lebt doch der theüre Geist befreÿt von Quaal und Noth,
Er prangt vor des Lammes Throne,
Wo er besitzt das Höchste Guth!
Er hat den Fürsten Hut
Vertauscht mit jener Lebens Crone
Vor welcher Gold und Diamant
Nur Staub und schlechter Sand.
Verfällt die schönste Flor
Gleich auf die Toden Baare
Die Ewigkeit ersetzt den Abgang vieler Jahre.

8. Aria:
Die Gerechten
Kommen bald zur stoltzen Ruh!
Schließen sie gleich allzu frühe
Die gebrochnen Augen zu!
Sie verwechseln Angst und Mühe
Mit dem süßen Himmels-Frieden
Seelig, die also verschieden!
Die gerechten
kommen bald zur stoltzen Ruh!

9. Coro:
Frohes Sterben! süßes Scheiden
Eingang zu den Himmels Freüden,
Mach uns freÿ von allen Leÿden!
Laß uns bald in Saron weÿden
Frohes Sterben! süßes Scheiden
Eingang zu den Himmels Freüden!


Nach der Fürstl: Leich-Predigt.

10. Aria:
Tannen weinet!

Weil die schönste Ceder bricht,

Die von hohen Stamm der Sachßen
Biß zum Sternen aufgewachsen!

Ach! betrübtes Tages Licht,

Das durch Thränen Wolcken scheinet,

Tannen weinet!
Weil die schönste Ceder bricht!

11. Recitat:
Betrübtes Fürsten Hauß,
Das jezt mit Trauer Flohr umhangen!
Ist vor der Zeit,
Dein Freüden-Stern Dir untergangen
Und nun zu Sonnen-Licht dort in der Ewigkeit!
Des Himmels theüres Pfand
Dein Prinz war dir ja nur geliehen!
Der Lichte Tugend Glantz
Muß vor Mittag' entfliehen!
Doch dein JOHANN ERNST stirbt nicht ganz
Muß gleich
Des Leibes Schatten sich entziehen!
Der Seele Licht eilt seinen Uhrsprung zu
Und sucht beÿ Sternen Ruh!

12. Aria:
Der Himmel gönnt erläuchte Seelen
Nicht lange dieser Laster-Welt
Die Glas vor Demant pflegt zu wehlen
Und Sand gleich Edelsteinen hält!
Was in der Blüthe Früchte trägt
Wird bald in Edens Land gelegt. Da Capo.

13. Recitat:
Man klage nicht zu sehr!
Das Sterben ist ein Beeth
Das dieser Himmels Pflantze
Verneüte Flor erhöht
Zu desto größerm Glantze!
Selbst GOTTES Hand hat sie dorthin versezt,
Wo sie dem Sturm der trüben Zeiten
Kein Wetter, Schlag, kein Gifft der Eitelkeiten
Berühret und verletzt.

14. Aria:
Verwandelt euch ihr jämmrige Cypreßen
In schönste Palm und Lorber-Pracht!
Des Jammers werde da vergessen
Wo Sterben uns zu Siegern macht!
Die Tugend kan im Sterben leben,
Den Sternen muß der Abend Klahrheit geben!

15. Recit:
Wie stimmt der Trauer Thon
In frohe Siegs- und Himmels Lieder?
Legt Trauer Zeichen nieder!
Denn Unser Printz besitzt den Sternen-Thron!
Der gröste Fürst der Ehren
Der Herr der Herrligkeit
Hat Ihm vor Land und Fürstenthum
In einem andern Leben
Das Land der Lebenden, das Himmelreich gegeben!
Die PerlenPforten öffnen sich!
Da prangt der reine Geist ganz unveränderlich!
Der Lebens-Fürst ließ Ihm die Stimme hören.

16. [Arioso?]:
= Jesus.=

Mein JOHANN ERNST komm zur Ruh!
Blick auf Sodom nicht zurücke
Eile nach der Höhe zu,
Daß ich ewig dich erquicke!
Komm du Auserwehlter du!
Mein JOHANN ERNST komm zur Ruh!

17. [Aria?]:
= Der Hochseel: Printz. =

LebensFürst! Ich folge Dir!
Ich vergeße was dahinden!
Vor des FürstenStandes Zier
Wird’ ich Cron und Purpur finden!
Seele! bleib nicht länger hier!
LebensFürst! Ich folge Dir!

18. Choral:
Christus der ist mein Leben
Sterben ist mein Gewinn
Dem thu ich mich ergeben
Mit Freüd fahr ich dahin!

19. [Arioso?]:
= Jesus. =

Komm und gehe Himmel-ein,
Zum Durchlauchten Engel-Orden!
Band’ und Feßel deiner Pein
Sind nun Sieges-Cronen worden!
Dornen sollen Palmen seyn!
Komm und gehe Himmel-ein!

20. [Aria?]:
Der Hochseel: Printz.

Schönster Himmel! öffne dich!
Laß mich meinen Lauf beschließen!
JESU! laß mich ewiglich,
Deiner Herrlichkeit genießen!
Nichts, gar nichts trennt Dich und mich!
Schönster Himmel! öffne dich!

21. Choral:
Nun hab ich überwunden
Creütz, Leiden, Angst und Noth
Durch sein heilig fünf Wunden
Bin ich versöhnt mit GOTT.
Coro: Selig, die im Herrn versterben

22. [Choral]:
Seelig, die im HERRN versterben!
Sie ererben
Dort das Reich,
Dem kein Purpur, keine Cronen,
Keine Thronen
Auf der gantzen Erde gleich! Da Capo.